MPU -Medizinisch-Psychologische Untersuchung oder „Fahreignungsbegutachtung“

Rund 110 Teilnehmer waren zum 27. Verkehrspolitischen Forum gekommen und verfolgten interessiert den Ausführungen des Referenten.
Foto: Harald Seipold
Die Verkehrswacht Wolfenbüttel hatte zum 27. Verkehrspolitischen Forum eingeladen. Hans Bode, Vorsitzender der Verkehrswacht begrüßte Referent Dr. Dirk-Antonio Harms, der als Fachpsychologe für Verkehrspsychologie BDP selbstständig tätig ist, und die mehr als 110 Teilnehmer. Unter ihnen zahlreiche Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Justiz, Polizei, Feuerwehr und TÜV. Wolfenbüttels Bürgermeister Ivica Lukanic betonte in seinem Grußwort: „Die Verkehrswacht in Wolfenbüttel macht eine großartige Arbeit, z.B. tolle Aktionen vor jedem Schuljahrbeginn, die verschiedene Malwettbewerbe oder die Besuche in Kindergärten und Schulen.“ Anschließend dankte er der Verkehrswacht für die Organisation des mittlerweile 27. Verkehrspolitischen Forums.
Der Vortrag „Die MPU – Medizinisch-Psychologische Untersuchung oder „Fahreignungsbegutachtung“ von Dr. Dirk Antonio Harms begann mit einem kurzen historischen Abriss. Denn bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurden u.a. auch in Deutschland erste Tests und Trainings mit simplen Gerätschaften an Personen durchgeführt, die Aufgaben mit erhöhten kognitiven Anforderungen übernehmen sollten, wie z.B. Straßenbahnfahrer. Auch beim Militär gab es entsprechendes Interesse an einer Auswahl geeigneter Personen für entsprechende Aufgaben.
Im Bereich des Straßenverkehr und im Sinne der Verbesserung der Verkehrssicherheit wurde die MPU erstmals 1954 im deutschen Gesetz verankert. Im Zusammenhang mit einer steigenden individuellen motorisierten Verkehrsteilnahme in der Bevölkerung. Im Mittelpunkt standen dabei zunächst Kriegsversehrte und die Frage, ob trotz einer vorhandenen Behinderung, das sichere Steuern eines Kraftfahrzeuges möglich ist. Später kamen Personen hinzu, die wiederholt bei der Führerscheinprüfung durchgefallen sind – hier entstand der Begriff „Idiotentest“ und auch die Erteilung des Autoführerscheins für Personen unter 18 Jahren bei nachvollziehbaren Bedürfnis (z.B. in der Landwirtschaft oder um zur Ausbildung zu kommen) wurde zu einer der Aufgaben der MPU.
Nicht zuletzt wegen der dramatischen Zahlen an Unfallopfern und Alkoholtoten in den 1960er bis 1980er Jahren (bis zu 22500 Toten) rückten immer mehr verkehrsauffällig gewordene Kraftfahrer in den Fokus der MPU und die Frage, ob eine ausreichende Einstellungs- Verhaltensänderung festzustellen ist, oder ob es besser ist, wenn jemand (zunächst) keine Fahrerlaubnis (zurück-)erhält.
Anhand noch verfügbaren Zahlenmaterials zeigte Dr. Hams, dass die Zahl der jährlich durchgeführten MPUs seit rund 25 Jahren sinkend ist von rund 130000 im Jahr 199 auf nun 75000 Begutachtungen in 2024. Von ca. 2000 bis 2009 boomte der Führerscheintourismus, später kamen Corona und das neue Cannabisgesetz. Glücklicherweise sind auch die Zahlen von im Straßenverkehrs verunglückten ebenso massiv zurückgegangen. Auch ist der Trend ersichtlich, dass nicht zuletzt aufgrund einer steigenden Bereitschaft, sich vor einer MPU beraten zu lassen, die Mehrzahl der MPUs in den letzten mehr als 10 Jahren – wie Dr. Harms anhand einer Grafik verdeutlichte – zu einer positiven Prognose gelangt. Wie auch schon seit längerem werden MPUs am häufigsten bei Personen durchgeführt, die aufgrund eines Alkoholdelikts oder unter Drogeneinwirkung aufgefallen sind. Klassische „Raser“ bzw. Punktetäter gibt es deutlich weniger. Menschen mit Behinderungen und „Prüfungsversager“ sind inzwischen Exoten bei der MPU. „Die Mehrzahl der Deutschen hat allerdings keine eigene Erfahrung mit der MPU und kennt auch niemanden, der schon eine MPU zu absolvieren hatte“, äußerte sich Dr. Dirk-Antonio Harms.
Entsprechend groß ist der Spielraum für Gerüchte, Halbwahrheiten und Legenden rund um diese Untersuchung, die meist in eher reißerische Form daherkommen. Bis vor gut 25 Jahren gab es auch noch keine öffentlich zugängliche Fachliteratur, wie genau eine MPU durchzuführen bzw. zu bewerten ist. Die TÜVs, die bis dahin aufgrund er gesetzlichen Rahmenbedingungen marktbeherrschend waren, hatten für ihre Psychologen und Ärzte eine Art internes Geheim-Papier, mit auch heutiger Sicht etwas kruden Hinweisen zur Beurteilung von Befunden, z.B. sah man für verheiratete Menschen eine bessere Prognose als für geschiedene. Auch Laborparameter (Leberwerte oder MCV), mit aus heutiger Sicht eher schwacher Aussagekraft, waren dabei ebenso wie Testergebnisse von kaum validierten Fragebogenverfahren wichtige Befunde. Erst mit der Einführung der sog. „Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung“ im Jahr 2000 und der „Beurteilungskriterien“ im Jahr 2005 kam es zu einer einheitlichen Anwendung dieser Vorgaben im der MPU. „Dank dieser Richtpinien ist eine Intransparenz nicht mehr möglich“, stellte Dr. Harms dabei positiv fest. Gleichzeitig kam es auch zu einer Öffnung des Marktes für andere Anbieter außer den TÜVs und der DEKRA, solange diese die strengen Auflagen für eine MPU-Stelle erfüllten. Als letztes fiel dann die Einsortierung der MPU in die Gebührenordnung für Maßnahmen im Straßenverkehr, was eine freie Preisgestaltung ermöglichte.
Nicht zuletzt entstanden aufgrund des für die meisten außenstehenden intransparenten Vorgehens bis zur Jahrtausendwende die mannigfaltigen Gerüchte, was man in der MPU alles falsch machen kann, mit welchen obskuren Fragen man rechnen muss und dass es hauptsächlich wohl der „Nasenfaktor“ ist, ob der Psychologe den Daumen hebt oder senkt. Diese vermeidlichen Entscheidungen nach Gutsherrenart, wie sie in vielen Teilen der Bevölkerung wahrgenommen wurden, sind nun schon lange Geschichte. MPU-Stellen werden u.a. von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) regelmäßig überprüft und auf Gutachtenqualität, konsequente Anwendung der Beurteilungskriterien und Arbeitsprozesse hin.
Als viel problematischer ist es für die Gegenwart anzusehen, dass es im Bereich der Beratung und Vorbereitung auf eine MPU keine gesetzlichen Regelungen zum Schutze der Betroffenen und mittelbar auch der Verkehrssicherheit gibt. Seit gut 30 Jahren hat sich in diesem Bereich eine gewaltige Angebotsvielfalt entwickelt, die seit gut 15 Jahren auch immer exzessiver über das Internet beworben und bewirtschaftet wird.
„Es dürfte in Deutschland mit mehr Auflagen und Bürokratie verbunden sein, z.B. eine Tasse Kaffee oder eine Bratwurst an den Mann zu bringen als eine MPU-Beratung. Da diese keine 'Rechtsfolgen' nach sich zieht, ist dem Gesetzgeber egal, wer hier was tut oder wie viel Geld für eine Beratungsleistung verlangt werden darf“, so die Meinung von Referent Dr. Harms.
Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass nur Personen, die entsprechende Fachkunde, Berufserfahrung und persönliche Integrität nachgewiesen haben, mit auffällig gewordenen Kraftfahrern arbeiten dürfen, die ja nicht selten eine erhebliche Alkohol- oder Drogenproblematik mit sich tragen oder auch andere problematische Persönlichkeitsfacetten, wurde wiederholt von den Entscheidungsträgern nicht gehört. Das Ergebnis dieser Untätigkeit findet man auf den einschlägigen Internetseiten, was den Ruf der Branche natürlich belastet und dazu führt, dass sich viele Ratsuchende am Ende des Tages „abgezockt“ fühlen.
Im zweiten Teil des Referats zeigte dann Dr. Harms auf, wer nach aktueller Rechtslage eine MPU absolvieren muss. Er erklärte anhand von verschiedenen „Tafeln“ den Ablauf dieser Prozesse - vor der MPU, in der MPU, nach der MPU - und welche Kosten auf den Betroffenen zukommen würden.
Dabei erklärte er auch das hypothesengeleitete Vorgehen in der Begutachtung zumindest im Anriss und mit welchen Möglichkeiten heutzutage Nachweise der Abstinenz von Alkohol oder Drogen geführt werden. Anhand von Beispielen wurde anschaulich verdeutlicht, welches Ausmaß an Einstellungs- und Verhaltensänderung von Alkoholkranken, Drogenkonsumenten oder Punktetätern für eine positive Bewertung erwartet wird.
Abschließend ging Dr. Harms nochmals auf die Bedeutung einer qualifizierten und seriösen Vorbereitung auf die Untersuchung ein, denn die meisten Betroffenen wissen eben nicht, was man von ihnen für eine positive MPU fordert, in wie weit sie diese Kriterien schon erfüllen und wie etwaige Defizite aufzuarbeiten wären. Schlussendlich geht es doch viel weniger darum, nur den Führerschein (wieder) zu bekommen, sondern darum, ihn aufgrund eines zum Positiven veränderten Verhaltens als Kraftfahrer dann auch nie wieder zu verlieren.
Im Anschluss an den Vortrag beantwortete Dr. Dirk-Antonio Harms noch einige Fragen der Forumsteilnehmer. Ihm dankte Hans Bode, Vorsitzender der Verkehrswacht Wolfenbüttel, für das sehr ausführliche Referat und lud anschließend alle Teilnehmer zu einen kleinen Imbiss. Bei informativen Gesprächen klang der Abend aus.
12.03.2026

